Der Aufstieg des Super-Zeitarbeiters. Immer mehr hochkarätige und erfahrene Manager schätzen die Autonomie und Flexibilität einer projektbasierten Arbeit.

18. Februar 2013

Diesen Artikel aus dem Harvard Business Manager von Jody Greenstone Miller und Matt Miller finden wir interessant und treffend, weil wir einen ähnlichen Trend auch im deutschsprachigen Raum beobachten. Wir erleben, dass immer mehr hochkarätige und erfahrene Manager die Autonomie und Flexibilität einer befristeten und projektbasierten Arbeit schätzen und den internen politischen Ränkespielen den Rücken kehren, um sich mit all Ihrer Expertise und Ihrem Können den gestellten Aufgaben widmen zu können.

Ed Trevisani verbringt nach Schulschluss gern Zeit mit seinen Söhnen. Er betätigt sich ehrenamtlich als Pfadfinderleiter, sitzt in gemeinnützigen Ausschüssen und unterrichtet Management an verschiedenen Unis im Umkreis von Philadelphia. Manchmal sieht man ihn mitten in der Woche an einem schönen Tag gemütlich hinter seinem Haus auf der Veranda sitzen. Kein schlechtes Leben für einen Mann, der immer noch so viel verdient wie zu seinen Zeiten als Partner bei IBM und PricewaterhouseCoopers.

Trevisani hat seinen MBA an der Wharton School gemacht und für General Electric gearbeitet. Jetzt managt er bedeutende Projekte für “Fortune”-500-Unternehmen und berät Führungskräfte in betrieblichen Fragen, beim Change-Management und bei der Bewertung möglicher Fusionen. All diese Aufgaben erledigt er auf befristeter Basis als unabhängiger Auftragnehmer.

Bezeichnen wir Trevisani als Super-Zeitarbeiter (Englisch: Supertemp). Genau wie andere seines Schlages gehört er zur “Free Agent Nation”, die Bestsellerautor Daniel Pink vor zehn Jahren ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt hat. Allerdings bewegen sie sich in einem höchst exklusiven Umfeld. Super-Zeitarbeiter sind Topmanager und Experten – Anwälte, Finanzfachleute, Berater -, die Spitzenunis besucht und in führenden Unternehmen gearbeitet haben, bevor sie sich dazu entschlossen, ihre Laufbahn unabhängig von einer bestimmten Firma auf Projektebene zu verfolgen. Unternehmen vertrauen ihnen immer wichtigere Aufgaben an – Tätigkeiten, die früher von fest angestellten Mitarbeitern oder etablierten Fremdfirmen erledigt wurden. Neue Vermittler sind auf der Bildfläche erschienen, die einen Markt für herausragende Talente schaffen. Die Zahl der Super-Zeitarbeiter steigt stetig an, und wir sind überzeugt davon, dass sie das Wirtschaftsleben schon bald nachhaltig verändern werden.

Die meisten Super-Zeitarbeiter sind aus großen Unternehmen, Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen geflüchtet. Sie wissen die Autonomie und Flexibilität der befristeten oder projektbasierten Arbeit zu schätzen und stellen fest, dass die Vergütung mit dem vergleichbar ist, was sie in Festanstellung verdient haben. Manchmal bekommen sie sogar mehr. Den endlosen internen Meetings und Intrigen haben sie den Rücken gekehrt. Trevisani schätzt, dass die früher 30 bis 40 Prozent seiner Arbeitszeit ausmachten. Jetzt, zehn Jahre nach seinem Absprung in die freie Tätigkeit, stürzt er sich mit ganzem Elan in fesselnde Aufgaben, die all sein Können fordern: Interimsgeschäftsführer für eine internationale Handelsgesellschaft, Entwicklung einer M&A-Strategie für ein weltweit tätiges Industrieunternehmen, Leitung der IT-Auswahl für eine globale Versicherungsfirma. Die Verwaltung seiner Arbeitskraft nimmt vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch. “Ich bin selbstständig, weil es mir Spaß macht und ich Führungskräften zum Erfolg verhelfen kann”, so Trevisani. Dass er zudem einfach so beschließen kann, zwei Monate auszusetzen, um sich seiner Familie zu widmen oder mit ihr zu verreisen, ist da nur das Sahnehäubchen.

In den Medien oder im Bewusstsein der Unternehmen wird diese Veränderung hoch qualifizierter Arbeit kaum thematisiert, wir erfahren nur selten etwas über die Ed Trevisanis dieser Welt. Stattdessen werden wir mit Bildern der gegenteiligen Entwicklung gefüttert – im vergangenen Jahr etwa von einer “Newsweek”-Titelgeschichte über Männer mit Ivy-League-Abschluss und perfektem Lebenslauf, die im Anschluss an die Rezession keine neue Stelle fanden und deren Schicksal die Autorin des Beitrags an gestrandete Wale erinnerte. In dieselbe Kerbe schlagen Headlines über die steigende Zahl von “Dauer-Zeitarbeitern”, die sich von einem schlecht bezahlten Auftrag zum nächsten hangeln.

Dass amerikanische Unternehmen zunehmend Zeitarbeiter, freie Mitarbeiter und andere Arbeitskräfte ohne Festanstellung beschäftigten, kann Angestellten auf den unteren Ebenen das Leben durchaus schwer machen. Was die höheren Ränge angeht, wäre eine Stigmatisierung befristeter Jobs – oder der Menschen, die sich für diese Jobs entscheiden – jedoch geradezu lächerlich altmodisch.